TVD: Schlichtungsempfehlung ablehnen!
Nein zu Reallohnverlust, 27 Monaten Laufzeit und Einstieg in die 42h-Woche!
Die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Christine Behle sagt: "Wir sind an einem schwierigen Punkt. Die Einigungsempfehlung ist ein hart errungener Kompromiss, mit dem wir einige Pflcke einschlagen knnen, der aber auch an Schmerzgrenzen fhrt. Wir mssen diesen nun sehr ernsthaft diskutieren und abwgen, ob das noch akzeptabel ist. Und wenn nicht, welche nchsten Schritte erforderlich sind." Fr ernsthafte Diskussionen bruchte es jetzt unmittelbar Versammlungen in den Betrieben, an deren Ende auch abgestimmt werden sollte. Leider wird nun ein erheblicher Zeitdruck gemacht und wird es meist erst Mitgliederversammlungen nach den Verhandlungen am 5. April geben. Uns ist nicht bekannt, wie die ver.di-Vertreter*innen in der Schlichtungskommission abgestimmt haben. Wir sagen aber:
Diese Schlichtungsempfehlung sollte dringend abgelehnt werden!
Die
Schlichtungsempfehlung sieht vor:
- Laufzeit von 27 Monaten
- Ab April 2025 plus drei Prozent mehr Geld, mindestens 110 Euro.
- Ab Mai 2026 plus 2,8 Prozent
- Auszubildende und dual Studierende jeweils Erhhung um 75 Euro
- Ab 2027 ein zustzlicher freier Tag fr alle
- Ab Juli 2025 Anhebung von Schicht- und Wechselschichtzulage auf 100 bzw. 200 Euro und ab 2027 Dynamisierung entsprechend den Tarifsteigerungen.
- Ab 2026 Anhebung der Jahressonderzahlung und Mglichkeit, diese in drei freie Tage umzuwandeln. Ausgenommen davon: Beschftigte in Krankenhusern und Pflegeeinrichtungen
- Ab 2026 im Rahmen einer "doppelten Freiwilligkeit" Mglichkeit einer befristeten Arbeitszeitverlngerung auf eine 42-Stundenwoche.
Im Gegensatz dazu die
ver.di-Forderungen:
- 8 Prozent, mindestens 350 Euro im Volumen
- 200 Euro fr Dual Studierende bzw. Auszubildende
- Drei freie Tage und ein weiterer fr Gewerkschaftsmitglieder
- All das bei einer Laufzeit von 12 Monaten.
Was bedeutet die Empfehlung?
Die Taktik der Arbeitgeber ist zunehmend eine Art Schockstrategie. So mag eine Laufzeit von 27 Monaten angesichts des vorherigen letzten "Angebots" von drei Jahren pltzlich als Erfolg erscheinen. Doch wenn man es mit der geforderten Laufzeit von 12 Monaten vergleicht, ist es das ganz und gar nicht. Auerdem sollten Laufzeiten auch von zwei Jahren nicht mehr akzeptiert werden. Denn in den aktuellen wirtschaftlich und geopolitisch extrem unsicheren Zeiten ist vllig unklar, wie die Situation in einem Jahr aussieht. Ein schneller Anstieg von Energiepreisen oder allgemeinen Preisen ist jederzeit mglich. Dazu kommt, dass Anfang dieses Jahres bereits die Krankenkassenbeitrge gestiegen sind. Zudem drfen die Ergebnisse nicht schn gerechnet werden. So werden die drei Prozent ab 1.4.2025 und 2,8 Prozent ab 1.5.2026 sicher wieder aufaddiert, als ob es sich um 5,8 Prozent handeln wrde. Das ist aber nicht der Fall.
So wrden auch die 3 Prozent Lohnerhhung nach erst einmal drei Nullmonaten auf das Jahr 2025 gerechnet mglicherweise gerade mal die Inflation ausgleichen. Aber die hheren Krankenkassen- und Sozialversicherungsbeitrge kommen obendrauf - also gibt es netto weniger. Auch fr das nchste Jahr und darauf wrde es voraussichtlich einen weiteren Nettoverlust bedeuten, nur die Hhe ist offen.
Anstatt einer deutlichen Arbeitszeitverkrzung - notwendigerweise bei vollem Lohn- und Personalausgleich wie wir als Netzwerk meinen - soll es ab 2026 die Mglichkeit einer freiwilligen befristeten Arbeitszeitverlngerung auf 42 Stunden pro Woche geben. Das bedeutet aus unserer Sicht eine sehr groe Gefahr. Denn dies soll hhere Arbeitszeiten normalisieren und geht in die vllig falsche Richtung. Zu Recht sagt Bernd Riexinger, der ehemalige ver.di Geschftsfhrer von ver.di Stuttgart und spter ehemalige Ko-Vorsitzende der Partei die Linke, in Reaktion auf die Schlichtungsempfehlung: "Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass meine Gewerkschaft einer Verlngerung der Arbeitszeit auf 42 Stunden zustimmen kann. Auch nicht auf freiwilliger Basis. Gegen den Vorsto zur Arbeitszeitverlngerung durch die Arbeitgeberverbnde haben wir 2006 neun Wochen gestreikt. Letztes Jahr jhrte sich der Kampf um die 35-Stunden-Woche zum 40. Mal. Im D werden immer noch jede Woche 4 Stunden mehr gearbeitet. Lngst htte die kollektive Verkrzung der Arbeitszeit auf die Tagesordnung gesetzt werden mssen." Genau so ist es. Dieser Schlichtungsempfehlung darf auch aus diesem Grund nicht zugestimmt werden! Leider sieht es zurzeit danach aus, als ob die ver.di-Fhrung dennoch zur Annahme der Schlichtungsempfehlung tendiert. Hier sollte man jetzt versuchen, Druck von unten zu machen, damit es nicht dazu kommt.
Schlichtung
Es ist ein Problem, dass die Tarifrunden im ffentlichen Dienst immer mehr ber Schlichtungsverfahren geregelt werden. Entscheidend fr Tarifergebnisse ist der Druck aus den Betrieben. Dieser entsteht durch Streiks. Leider hat die ver.di-Fhrung schon in den letzten Jahren das Mittel von Erzwingungsstreiks kaum noch angewendet. Das Tarifprozedere ist zu einer Routine geworden und man hat sich daran gewhnt, dass man etwa bei der Hlfte der Forderungen bzw inzwischen darunter anlangt, insbesondere durch lange Laufzeiten. Durch die Schlichtungsvereinbarung, die ver.di seit Jahrzehnten mit den Arbeitgebern von Bund und Kommunen abgeschlossen hat, hat sich die Gewerkschaft selbst die Hnde gebunden, denn durch diese Vereinbarung knnen die Arbeitgeber mit Anrufung des Schlichters ein solches Verfahren durchsetzen. Diese Vereinbarung muss dringend gekndigt werden!
Eine "Schlichtung" klingt so, als ob diejenigen, die den Streit schlichten, "von auen" kommen und eine neutrale Position einnehmen wrden. Das ist aber nicht der Fall. Sowohl der von den Arbeitgebern eingesetzte Schlichter Roland Koch (CDU) als auch der von ver.di einberufene Schlichter Hans-Henning Lhrs (SPD) haben in der Vergangenheit auf Arbeitgeberseite Verschlechterungen gegen die Beschftigten durchgesetzt.
Hans-Henning Lhrs war Vorsitzender des Kommunalen Arbeitgeberverbandes sowie Staatssekretr unter dem Bremer Finanzsenator Ulrich Nubaum, der sich Anfang der 2000er Jahre mit einem Krzungsprogramm im Stadtstaat bekannt machte. Roland Koch hat von 1999 bis 2010 als Ministerprsident von Hessen ein massives Sparprogramm im ffentlichen Dienst durchgezogen, inklusive des Ausstiegs aus dem Lndertarifvertrag und einer Arbeitszeitverlngerung fr hessische Beamte! Dieser hatte nun den Vorsitz in der Schlichtungskommission, was ihm das entscheidende Stimmrecht gab. Und er sagte wohl, mit ihm kann es keine Arbeitszeitverkrzung geben. Das glauben wir ihm gerne. Doch mit ver.di darf es auch keine Arbeitszeitverlngerung geben! Die freiwillig lngere Arbeitszeit von heute ist die verpflichtende von morgen! Es ist genau die Richtung, in die die Arbeitgeberverbnde jetzt gehen wollen! Arbeitszeitverlngerung - und das in Zeiten wachsender Arbeitslosigkeit! Stattdessen mssen die Gewerkschaften jetzt Gegenwehr gegen solche Vorste organisieren, und es mit dem Kampf fr Verbesserungen anstatt Verschlechterungen verbinden.
Mehr ist drin!
Hufig wird gesagt, die Mobilisierungsfhigkeit sei begrenzt bzw. die Kampfbereitschaft zu gering. Doch diese hngt natrlich auch von der Entschlossenheit der Fhrung der Gewerkschaft ab. Diese war in dieser Tarifrunde nicht erkennbar. Es gibt eine bedeutende Anzahl von entschlossenen aktiven ver.di-Mitgliedern, die bereit sind zu kmpfen. Die Aufgabe wre jetzt, dass dieser Kern auf diejenigen zugeht, die noch berzeugt werden mssen. Dafr sollten Arbeitsstreiks und Schulungen organisiert werden, Mitgliederversammlungen und Informationsabende, in denen die Sachlage dargestellt wird. Wichtig ist auch aufzuzeigen, dass gengend Geld in den ffentlichen Kassen fr den ffentlichen Dienst da wre bzw. bei den Milliardren geholt werden knnte, wenn es den politischen Willen gbe. Da dieser nicht da ist, muss entsprechender Druck aufgebaut werden - und zwar mit Streiks und Demonstrationen. Auf dieser Grundlage sollte die Urabstimmung durchgefhrt werden. Bei den Versammlungen sollten auch berall Streikdelegierte gewhlt werden. Wir sind der Meinung, damit es eine demokratische Streikfhrung geben kann und auch eine gute Einschtzung ber die Kraft im Arbeitskampf auf bundesweiter Ebene, sollte eine bundesweite Streikdelegiertenkonferenz gebildet werden, wo gewhlte Delegierte aus allen Bezirken zusammen kommen. Diese sollten ber alle Angebote diskutieren und ber Annahme oder Ablehnung auf Grundlage von Rckkopplung und Abstimmungen in den rtlichen Streikversammlungen entscheiden. Auf einer solchen Streikdelegiertenkonferenz knnten auch Streikstrategien und die Mglichkeiten fr eine Eskalation in den Arbeitskampfmanahmen sinnvoll diskutiert und entschieden werden.
Streikbereitschaft und Strategie
Es ist gut, dass besondere Druckbetriebe mit konomischer Wirkung und Streikbereitschaft identifiziert wurden. So knnte ein Streik in diesen beginnen, sollte aber im Laufe eines Erzwingungsstreiks ausgebaut werden bis hin zum mehrtgigen bzw. unbefristeten Vollstreik, je nachdem wie stark die Stimmung an der Basis ist. Ein solcher Arbeitskampf msste mit einer systematischen Solidarittskampagne aus allen ver.di-Bereichen wie auch den DGB-Gewerkschaften untersttzt werden. Es msste eine massenhafte Informationskampagne in alle Betriebe hinein geben, um der Hetze aus den brgerlichen Medien etwas entgegenzusetzen. Solidarittsbesuche aus anderen Betrieben und Solidarittsdemonstrationen sollten Teil einer solchen Tarifbewegung sein, die auch eine gesellschaftspolitische Bedeutung erlangen wrde. Denn letztlich geht es beim ffentlichen Dienst um essenzielle Dienstleistungen fr die Masse der arbeitenden Bevlkerung - von den Kitas bis zu den Krankenhusern, von den mtern bis zu den Schwimmbdern, von der Mllentsorgung bis zu den Flughfen etc.
Es ist wichtig, klare Signale von der Basis zu organisieren, damit die Bundestarifkommission ein Ergebnis entlang der Schlichtungsempfehlung nicht annimmt. Wir rufen dazu auf, in den Betrieben Diskussionen und Abstimmungen durchzufhren, die Ergebnisse an die BTK-Mitglieder zu berreichen, Fotos mit Botschaften wie "Wir sind streikbereit" von Kolleg*innen zu machen und sie zu posten, alle Mglichkeiten in Anspruch zu nehmen, um dieses Signal an die Bundestarifkommission zu senden: Nein zum Schlichterspruch! Wir sind bereit, fr unsere mehr als berechtigten Forderungen zu kmpfen.
Vernetzung
Es wird angesichts der Arbeitgeberoffensive und der Regierung unter Merz, die voraussichtlich harte Angriffe gegen die Arbeiter*innenklasse fahren wird, immer dringender, kmpferische und demokratische Gewerkschaften zu haben. Dafr sollten sich kmpferische Kolleg*innen und Betriebsgruppen bundesweit systematisch miteinander vernetzen, um einen Kurswechsel auch in ver.di herbeizufhren - weg von einer Haltung vorauseilender Kompromisse hin zu einer kmpferischen und konsequenten Gewerkschaftspolitik. Meldet euch beim Netzwerk!